Museum Aktuell, D, 2014 Artikel:

Museum Fronfeste Das Programmmuseum

Ingrid Weydemann, Michael Weese

Im Salzburger Flachgau, in Neumarkt am Wallersee und etwa 15 km von der Stadt Salzburg entfernt, liegt das Museum Fronfeste. Es ist 1984 in die Räumlichkeiten eines ehemaligen Amtmann- und Gefängnishauses aus dem 16. Jahrhundert eingezogen. In den 30 Jahren kontinuierlicher Arbeit hat es sich von einem heimatkundlichen Sammlungsdepot zu einem sogenannten Programmmuseum und weiter zu einer regionalen (und längst auch überregionalen) Plattform gewandelt. Über die Vielzahl an Ausstellungen hinaus, wurde eine große Fülle an Aktivitäten verwirklicht, die immer wieder die Museumsräume verlassen und sich auf die Wirklichkeit "da draußen" einlassen.

Das unscheinbare Haus an der Hauptstraße lässt heute nicht vermuten, was sich im Quertrakt des Gebäudes erhalten hat - ein Gefängnis mit sechs Zellen, die von einer schrecklichen Vergangenheit erzählen: Geschichte und Geschichten von unsagbaren Zuständen der regionalen Gerichtsbarkeit. Mitte des 20. Jahrhunderts war die Fronfeste dann ein anderer Ort der Widersetzlichkeit - die Widerstandsbewegung gegen die Politik der Nationalsozialisten hatte sich im Gefangeneninnenhof formiert.

Heute ist aus dem einst abweisenden Gebäude ein offenes Haus entstanden, das in seiner Arbeit über das Deponieren und Präsentieren vergangener Geschichte(n) und deren materiellen Zeugnissen weit hinausgeht. Es nimmt für sich in Anspruch, mit den Mitteln des Museums auch gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Wie wir dies tun - wie wir ständig aufs Neue erkunden, ausprobieren, manchmal vielleicht auch scheitern, vieles gelingen lassen, das möchten wir in diesem Beitrag ein wenig näher vorstellen.

Von der Idee eines Programmmuseums zur Programmatik des Museums

Um es gleich vorweg zu nehmen - Das Museum Fronfeste macht auch klassische Museumsarbeit, sammelt und bewahrt, präsentiert und inszeniert, forscht und vermittelt. 2002 war die Fronfeste in Neumarkt am Wallersee eines der ersten drei österreichischen Regionalmuseen, das mit dem

Österreichischen Museumsgütesiegel ausgezeichnet wurde. Im Jahr 2009 wurde das Museum Fronfeste bereits zum zweiten Mal mit diesem Gütesiegel ausgezeichnet. Für den hohen Standard bei der Bewahrung des kulturellen Erbes und für die Präsentation auf höchstem Niveau wurde die Gültigkeit des Gütesiegels heuer bereits zum dritten Mal um weitere fünf Jahre verlängert. Aber unsere Arbeit will noch mehr: Ähnlich der Idee eines Programmkinos, das künstlerisch anspruchsvolle Autorenfilme zeigt und von einer Auswahl geprägt ist, die sich symbolisch gegen den Mainstreamfilm abgrenzt, hat das Museum Fronfeste als Programmmuseum die Ambition, die üblichen Präsentationsformen eines Heimatmuseums zu verlassen, nicht um "Heimat" und die mit ihr verbundenen Konnotationen abzulehnen, sondern um stattdessen etwas zu gewinnen, das mit einem anderen Blick auf das Eigene reagiert. Dieser andere Blick versteht Kultur als Kulturen, erzählt Geschichten statt Geschichte und bezieht die Orts- und Regionsbevölkerung in die Autorenschaft musealer Themenstellungen verstärkt mit ein. Dass heute "Fremde" und Asylwerber hinzukommen erscheint uns umso besser - aus deren Sicht kriegt das Konzept "Heimat" oder "Identität" noch einmal eine andere Bedeutung und Deutung.

Programmmuseum: Folgt man diesem Anspruch, dann könnte man vielleicht pointiert sagen, dass wir aus dem früheren Bestand einer "Heimatkundlichen Sammlung" heraus, die Programmatik einer ständigen Reflexion von "Beheimatung" entwickelt haben: Was macht unseren Ort aus? Welche Geschichten verbinden sich mit ihm und welche wurden bisher vergessen zu erzählen? Stimmen die Bilder, die wir von unserem Ort haben oder können wir auch andere Bilder anbieten? Wer sind die Menschen, die hier leben, und müssen wir nicht vielleicht erst lernen, wer eigentlich unsere Mitmenschen und wer unsere Nachbarn sind, auch jenseits der Grenzen? Und könnte unser Museum über sein Selbstverständnis als Geschichtsort hinaus, nicht vielmehr auch ein Lernort für die Zukunft sein?

Stellt man sich solchen komplexen Fragen einer "Beheimatung", dann reicht es nicht mehr, die Anfänge der Ortsgeschichte zu sammeln und zu erzählen. Dann müssen wir uns dringend auch einer Verknüpfung von historischen Themen mit den Problemstellungen der Gegenwart zuwenden. Wenn wir in dieser Zeit nicht nur bewahren sondern auch gestalten wollen, dann braucht es auch ein Aufsammeln im Hier und Heute - von heutigen Dingen (die die Exponate von morgen werden könnten); von heutigen Stimmen und Fragestellungen, von heutigen Ideen und Visionen.

Vom Ausstellungswesen zum Gemeinwesen. Und wieder zurück.

Vielleicht können einige Beispiele aus der praktischen Arbeit unseres Hauses verdeutlichen, wie wir versucht haben, den selbst gestellten Anspruch auch einzulösen: So versuchte etwa 1998 die Ausstellung "Vorsorgen statt Sorgen" einen kulturhistorischen Bogen von Vorkehrungsmaßnahmen in Krisenzeiten bis in unsere Gegenwart zu spannen. Einen Schritt weiter ging im Jahr 2001 die Sonderausstellung "Zeit der Noth. Armut gestern und heute - und was ist morgen?". Anhand schriftlicher und bildlicher Quellen sowie selten gezeigter Exponate wurde eine "Geschichte von unten" vermittelt und die im Land herrschende Armut des 19. Jahrhunderts mit Fallbeispielen von BettlerInnen der Region thematisiert. Bemerkenswert war, dass mit der Ausstellung Prozesse in Gang kamen, die weit über das Thematisieren von Armut hinaus gingen. So initiierte das Museum

Fronfeste in Kooperation mit dem Entwicklungspolitischen Beirat des Landes Salzburg eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Arbeit von NGO´s gegen weltweit herrschende Armutsverhältnisse: Kinder und Jugendliche aus dem Ort waren in unsere "Malwerkstatt Losito" eingeladen. Ein Bildertausch mit Kindern aus Afrika und aus Madagaskar sollte zu einem vertieften Verständnis unterschiedlicher Lebensverhältnisse und Bedürfnisse beitragen. Musiker aus Madagaskar zogen für wenige Tage in unser Museum ein, und als sie schließlich wieder in ihre Heimat zurückkehrten, gründeten sie selbst ein Museum. In unserem Gästebuch haben sie einen Spruch hinterlassen, der uns noch lange beeindruckt hat: "Ein Museum ist so vielfarbig wie die Farben eines Chamäleons".

Die Besichtigung der Ausstellung "Zeit der Noth. Armut gestern und heute - und was ist morgen?" durch die Mitglieder der Gemeindevertretung Neumarkt am Wallersee und die erstmalige Abhaltung der Gemeindevertretungssitzung im Museum, endete mit einem einstimmigen Beschluss, dass ein Lokale-Agenda-21-Prozess eingeleitet werden sollte. In weiterer Folge wurde mit der finanziellen Unterstützung von Umwelt.Service.Salzburg (Wirtschaftskammer und Abt. 15 - Umwelt - der Salzburger Landesregierung), und in Zusammenarbeit mit der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen begonnen, das Programm "Neumarkt nachhaltig" im Museum Fronfeste umzusetzen. Unter großer Anteilnahme der Ortsbevölkerung wurden dabei Themen zur Erneuerung ebenso wie zur Bewahrung diskutiert, in moderierten Zukunftsforen gemeinsam Ideen entwickelt und konkrete Vorschläge ausgearbeitet, und letztendlich diese dann der Gemeindevertretung zur Umsetzung vorgeschlagen.

2004 wurde dem Museum Fronfeste und der Gemeinde Neumarkt für den Agenda 21 Prozess und die ersten erfolgreichen Umsetzungsmaßnahmen zu einer " e5 - energieeffizienten Gemeinde" der ÖGUT Umweltpreis zugesprochen. 2005 wurde unser Engagement mit dem 2. Preis beim Europäischen Dorf- und Stadterneuerungspreis gewürdigt. In den Laudationes wurde die besondere Rolle des Museums als Transporteur und "Mittler" hervorgehoben, dem es gelungen war, kreative Ideen zur kulturellen Nachhaltigkeit mit auf den Weg zu bringen, ohne dabei gleich den mahnenden Zeigefinger zu erheben.

Im Jahr 2006 zeigten sich für unsere Region die ersten Früchte für die Zukunft: Das Regionale Standortmarketing mit den Gemeinden Neumarkt-Köstendorf-Straßwalchen griff einige Agenda 21 Projekte zur Umsetzung auf. Beim Lokalen Agenda 21 Gipfel Österreich im Wiener Rathaus wurde der "Impulsregion 21" die Stafette für den Gipfel 2007 übergeben - das Museum Fronfeste präsentierte die "Geschichte des Agenda 21 Prozesses Neumarkt am Wallersee" an einem Stand der Agenda 21 Börse - ein kleines Museum stand da plötzlich im Mittelpunkt einer österreichweiten Veranstaltung. Im Jahr 2007 fand der 4. Österreichische LA-21-Gipfel im Salzburger Flachgau statt, die Salzburger Impulsregion 21 war mit Neumarkt am Wallersee und zwei benachbarten Gemeinden Gastgeber dieser Veranstaltung "Wir spinnen Zukunft! Netzwerke zur Nachhaltigkeit!" Zu Fragen nach den Zukunftschancen der Regionen und nach Modellen kultureller Nachhaltigkeit lud das Museum Fronfeste mit dem Workshop "Museen als Lernorte für die Zukunft?" ein. Eine jener fünf Forderungen, die am Ende dieser Veranstaltung festgeschrieben wurden war der Anspruch, die Sehnsucht nach dem Authentischen unserer eigenen Kultur lernen zu verstehen, gleichzeitig aber die Vielfalt der Kulturen dabei nicht zu übersehen! Die Vision "einer" authentischen, eigenen Kultur, die sich unberührt von der Außenwelt nur aus ihren historischen Wurzeln speist, so hielt der Workshop fest, ist längst eine romantische Illusion. Aus den Begegnungen der Kulturen entsteht heute auch in der eigenen Region eine neue Vielfalt.

Vom Hinausgehen statt Hineingehen: Ein Museum vor Ort sein

Was dies bedeuten kann, mag ein Projekt genauer verdeutlichen, das wir erstmals 2008 bei den St. Johanner Friedenstagen unter dem Motto "Wir in der Welt der Wandernden: Migration - Integration heute!" präsentierten - das Beispiel eines Interkulturellen Gartens. Was war und ist damit gemeint?: Im nahe des Museumsdepots angelegten Interkulturellen Garten wurden neben Einheimischen auch Asylwerbern und Zuwanderern aus verschiedenen Heimatländern Beete zugewiesen. Seither trägt das gemeinsame Aussäen, Pflegen, Ernten und Essen in einer einzigartigen Art und Weise zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund bei. Der Interkulturelle Garten - in Kooperation des Museums Fronfeste mit der Pfarre Neumarkt und dem Salzburger Bildungswerk entwickelt - spricht Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und Herkunft an. Die vielen Kontakte und Gespräche zwischen Ortsbevölkerung und MigrantInnen rund um das Gartenprojekt ermöglichen ein ungezwungeneres Kennenlernen des "Anderen". Hier werden aus Flüchtingen öffentliche Akteure, hier zählen die Fähigkeiten und das Wissen aller, hier gelingt es Menschen (oft erstmals wieder) sich zu erden, sich neu zu beheimaten und einen inneren Frieden zu finden. Unvergesslich die gemeinsamen Essen im Museum mit improvisierten Tänzen vor der Textil- und Hutsammlung unseres Hauses. Auch hier kann das Museum Fronfeste wertvolle Vermittlungsarbeit leisten: Nachgefragt werden heute Führungen für Interessentengruppen, wir initiieren Workshops mit örtlichen Schulen und hinterfragen den heutigen Stellenwert von gesunden Lebensmitteln, laden ins Museum zu Treffen der Ortsbevölkerung mit MigrantInnen ein, zum gemeinsamen Kochen, zum Grillen im Garten, zu Filmabenden, Exkursionen und Vorträgen, wir gestalten ein Türkisches Fest mit dem Verein Posof und Kooperationen mit dem Stadtteilgarten Itzling. Im Jahr 2008 erhielt dieses Projekt beim Ideenwettbewerb "landauf" den Hauptpreis des Landes Salzburg.

Landauf hinausgehen: das könnte auch die Zielsetzung einer Reihe von Aktivitäten sein, die das Museum Fronfeste seit vielen Jahren vor Ort initiiert und begleitet. Naturkundliche Streifzüge wie kulturhistorische Wanderungen ermöglichen oft viel anschaulicher ein Kennenlernen der eigenen Geschichte als dies noch so gut gemachte Ausstellungen zu leisten vermögen. Dass es mitunter auch sinnlicher sein kann, sich nach Draußen aufzumachen, versuchte unser Projekt "Wanderbare Sinne" offenzulegen: Unter dieser Bezeichnung konnte das Museum Fronfeste als Impulsgeber und als Projektträger eine Reihe von Erlebnispunkten und Themenwegen realisieren - kurz genannt seien hier der "Schanzwallweg", der "Stadt-See-Weg" und der Spiel- und Experimentierpark "WasserWunderWallersee" am Ufer des Sees. Die Entwicklung einer überregionalen, bundesländerübergreifenden "Museums - und Kulturstraße muSEEum", die in Zusammenarbeit mit dem Regionalverband Salzburger Seenland, dem Mondseeland und dem Regionalverband Attersee/Attergau entstand, gehört zu jenen wenigen Projekten, die wir aus heutiger Sicht nicht ganz so erfolgreich zu Ende führen konnten.

Zu unserem Verständnis des Hinausgehens gehört auch die enge Zusammenarbeit mit dem Gerbereimuseum der Burg Tittmoning. Gab es in Neumarkt die Weißgerberei, kann das bayerische Tittmoning auf eine lange Tradition der Rotgerberei zurückblicken. Als grenzüberschreitendes Interreg IIIa Projekt "Gerben ohne Grenzen - Von der Lederhaut zur Lederhose" begonnen, sind bis heute in enger Zusammenarbeit beider Museen eine Reihe von kulturhistorischen Sonderausstellungen entstanden, die nicht nur Gemeinsamkeiten und lokalspezifische Unterschiede zum Handwerks der Gerber präsentierten, sondern auch zu Mode und Tracht oder zur "Farbe Grün". Mittlerweile konnte aus der Museumspartnerschaft eine Städtepartnerschaft zwischen Neumarkt und Tittmoning entwickelt werden.

Worauf wir stehen: Vom Museum als Partner wissenschaftlicher Forschung

Dass eine erfolgreiche Museumsarbeit starke Partner braucht, belegt auch die breite Kooperation der Landesarchäologie Salzburg Museum und der Universität Salzburg mit dem Museum Fronfeste. Von den Projektpartnern wurde ein Forschungsschwerpunkt zur römischen Wirtschaft im Salzburger Raum entwickelt.Die Erforschung der Landwirtschaft und der ländlichen Siedlungsstruktur römischer Zeit stellte bislang für die ehemalige römische Provinz Noricum ein wissenschaftliches Desiderat dar. Dies galt besondersfür die ländlichen Siedlungen im Umfeld von Iuvavum/Salzburg. Hier ist die größte bisher bekannte Fundpunktdichte in der Provinz vorhanden. Das Wissen über die Funktionen eines römischen Landgutes, über Tierzucht (Analyse von Knochenresten) und Feldfruchtanbau (Analyse von verkohlten Pflanzenresten) und die dadurch verursachten Veränderungen in der Landschaft, war aber gering.

Das Museum Fronfeste war von Anfang an in die Forschungsaktivitäten eingebunden. Unser Haus fungierte dabei nicht nur als Ausstellungsort sondern darüber hinaus als eine Art Drehscheibe für das Lehrgrabungsprojekt "Römische villa rustica in Neumarkt-Pfongau". Das Museum versuchte dabei vor allem seine Rolle als wichtige Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit wahrzunehmen. Mit der Unterstützung der Grabung und der Ausrichtung der Sonderausstellung "Früchte der Venus" wussten wir uns sowohl der Forschung als auch allen interessierten BesucherInnen verpflichtet. Neueste Erkenntnisse der Grabungen flossen in die Ausstellung ein und wurden durch unsere Kulturvermittlung unmittelbar anschaulich gemacht. So verwundert es vielleicht auch nicht, dass die Resonanz der örtlichen und regionalen Schulen mit ihren über 1.000 Schülern bereits schon vor Beginn der Grabung und vor Eröffnung der Ausstellung überaus groß war. Mit dem Vermittlungsprojekt "Schauplatz Forschen - Archäologie zum Anfassen und Ausprobieren" gelang es, Schüler wie auch Erwachsene für die wissenschaftliche Arbeit der ArchäologInnen zu begeistern. Mit Interesse konnten die BesucherInnen abwechselnd in "freigelegtes" Wissen auf der Grabung oder in das vom Museum angebotene spielerische Erleben eintauchen. In einer Art "Making-Of" wurde so deutlich, wie ArchäologInnen bei dieser Ausgrabung Schritt für Schritt vorgehen und wie die Fundstücke letztendlich auch ins Museum kommen.