1 Weydemann, Ingrid; Rauchmann, Markus, Mag. "Erscheinungsbild des Museums. Folder und Informationsmaterial und die schwere Entscheidung gemeinsam oder allein.", in: MuSiS, Mag. Heimo Kaindl, Die Stellwand, Jg. 13 - 2005, Heft 1, S 6-7

Fallbeispiel 3 - Museum in der Fronfeste, Neumarkt am Wallersee1 Status:

Ein Schwerpunktmuseum, das sich von einem Depot zu einem Programmmuseum entwickelt hat. Im Mittelpunkt steht der Mensch, das Museum versteht sich als Treffpunkt verschiedenster Interessen, Themen, Probleme usw., die hier in Form von Ausstellungen, Vorträgen, Workshops, Partizipations-Modellen usw., erfolgreich umgesetzt werden. Und dies nicht nur für Neumarkt, sondern auch für die gesamte Region. Nicht die Quantität, sondern die Qualität steht im Vordergrund.

Das Museum ist hauptamtlich geführt (15 Stunden pro Woche), hat sechs freiberufliche MitarbeiterInnen und beschäftigt gelegentlich das Architektenteam fleos Salzburg für Neugestaltung, Außenauftritte, Erneuerungen, Ausstellungsgestaltung usw.

Geschichte und Maßnahmen:

"Vom Heimatmuseum zum modernen Programmmuseum mit grenzüberschreitenden Aspekten."1999 begann in Neumarkt mit dem Umzug des 1984 gegründeten "Heimatmuseums" in die Fronfeste eine innovative Entwicklung in einem Netzwerk von aufgeschlossenen Menschen und Institutionen, die sich gerne mit lokalen und globalen Akzenten in der Kulturszene auseinandersetzen und gemeinsam die Energien und Ideen haben, diese auch umzusetzen.

Ein gewichtiger Faktor dabei sind die multifunktionalen Herausforderungen des Museums der Gegenwart: Kulturvermittlung - Architektur - Marketing - Nachhaltigkeit.

Das Gesamtkonzept dieses Museums sieht, in enger Zusammenarbeit von Museumsleiterin Ingrid Weydemann, Dagmar Bittricher (Museumsreferentin, Salzburger Volkskultur), Museumsverein, FLEOS Architektur (Architekten) und Kommunikationsagentur Rauchmann&Rauchmann, sowie wechselnd eingebundenen wissenschaftlichen MitarbeiterInnen und dem Team der

VermittlerInnen eine Arbeit vor, die unter anderem auch das experimentelle Museum einbeziehen soll.

Im Rahmen der Entstehung des Gerbereimuseums Burg Tittmoning kam es in den Jahren 1999 bis 2004 zur Umsetzung des Interreg IIIa Projektes mit regionalen und grenzüberschreitenden Aspekten, die bis heute gemeinsam fortgesetzt werden. Die Gestaltung von Werbematerialien basiert auf der gemeinsamen Museums-CI: Falter, Plakate und Visitenkarten für Bayern mit dem Heimathaus Rupertiwinkel und dem Gerbereimuseum Burg Tittmoning und für Österreich mit dem Museum in der Fronfeste, dem WasserWunderWallersee, einem 'Spiele- und Experimentierpark' sowie dem Schanzwallweg.

Es gibt grenzüberschreitende Ausstellungen wie "Gerben ohne Grenzen. Von der Lederhaut zur Lederhose" und "Lederkatzen und Ranzen in Bayern und Österreich. Museen bauen Brücken".

Dem "Verstauben" ist entgegenzuwirken! Es werden bewusst Gestaltungsmittel gewählt, die immer wieder neu einsetzbar sind und inhaltliche sowie räumliche Veränderung zulassen: Informationsträger, Vitrinen und Textfahnen sind flexibel erzeugt und nach Bedarf neu zu gruppieren. Durch das Setzen von unterschiedlich dichten Stoffschichten entstehen zusätzliche, temporäre Räume.

Diese Licht- und Schattenwände werden inszeniert. Transparente Befestigungssysteme für Exponate, die keinen Glasschutz brauchen, sorgen für Leichtigkeit in den kleinen Räumen und sind veränderbar. Unterschiedliche Raumeindrücke sollen durch Ton, Licht und Farbe unterstützt werden. Sonderausstellungsräume sind in den Museumsrundgang integriert und bieten Raum für "Temporäres".

Jeder Raum eine Überraschung! Der Besucher soll aktiv sein dürfen, ausprobieren, angreifen und dadurch begreifen, immer wieder kommen und Neues sehen, das Mission Statement "des Programmmuseums".

Das Museum in der Fronfeste macht es sich also zur konkreten Aufgabe, über den üblichen Museumsstandard hinaus die Museumsbesucher in aktuelle Diskussionen und gesellschaftspolitische Diskurse aktiv einzubinden.

Ein anderer Meilenstein in der Entwicklung des Museums in der Fronfeste war die Besichtigung der Ausstellung "Zeit der Noth. Armut gestern und heute und was ist morgen?" durch die Mitglieder der Gemeindevertretung Neumarkt am Wallersee und die Abhaltung der Gemeindevertretungssitzung im Museum, in der mit einem einstimmigen Beschluss der lokale Agenda 21 Prozess in Gang gebracht wurde.

In Folge wurde mit der finanziellen Unterstützung von Umwelt.Service.Salzburg (Wirtschaftskammer und Abt. 15 - Umwelt - der Salzburger Landesregierung) in Zusammenarbeit mit der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen das Programm NEUMARKT:NACHHALTIG im Museum in der Fronfeste umgesetzt.

Für den Prozess der Agenda 21 entwickeln sich grundsätzliche Themen in Verbindung mit der Verwurzelung der Bevölkerung in ihrem Heimatort. In moderierten Zukunftsforen werden gemeinsam entwickelte Ideen und konkrete Vorschläge erarbeitet und der Gemeindevertretung zur Umsetzung vorgeschlagen.

"Ein Eintauchen in ein lebendiges Museum..."

Neben den allgemeinen Fakten möchte ich auch ein spezielles Beispiel über das WESEN und die SEELE der kleinen Museen vorstellen über die Geschichten, die direkt vermittelt werden, und dies gleich mit einem Auszug aus dem Roman "Das Parfum" von Patrick Süskind, mit einem eindringlich beschriebenen Beispiel aus dem Leben der Gerber, beginnen: einem Eintauchen in ein lebendiges Museum....

"Abends ließ er sich brav in einen seitlich an die Werkstatt gebauten Verschlag sperren, in dem Gerätschaften aufbewahrt wurden und eingesalzene Rohhäute hingen. Hier schlief er auf dem blanken gestampften Erdboden. Tagsüber arbeitete er, solange es hell war, im Winter acht, im Sommer vierzehn, fünfzehn, sechzehn Stunden: entfleischte die bestialisch stinkenden Häute, wässerte, enthaarte, kälkte, ätzte, walkte sie, strich sie mit Beizkot ein, spaltete Holz, entrindete Birken und Eiben, stieg hinab in die von beißenden Dunst erfüllten Lohgruben, schichtete, wie es ihm die Gesellen befahlen, Häute und Rinden übereinander, streute zerquetschte Galläpfel aus, überdeckte den entsetzlichen Scheiterhaufen mit Eibenzweigen und Erde. Jahre später musste er ihn dann wieder ausbuddeln und die zu gegerbtem Leder mumifizierten Hautleichen aus ihrem Grab holen. Wenn er nicht Häute ein- und ausgrub, dann schleppte er Wasser. Monatelang schleppte er Wasser vom Fluss herauf, immer zwei Eimer, Hunderte von Eimern am Tag, denn das Gewebe verlangte Unmengen von Wasser zum Waschen, zum Weichen, zum Brühen, zum Färben. Monatelang hatte er keine trockene Faser mehr am Leibe vor lauter Wassertragen, abends troffen ihm die Kleider von Wasser und seine Haut war kalt, weich und aufgeschwemmt wie Waschleder."

Die sozialen Aspekte, die hier angesprochen werden, sollen auch in Zukunft in Sonderschauen thematisiert werden: "Die Gifte der Chromgerbung und die Auswirkungen auf unsere Gesundheit" etwa fordert die Besucher der Museen auf, sich mit der modernen Aufbereitung von Leder auseinanderzusetzen, bis hin zur Ausbeutung von Kindern und Frauen in so genannten Billiglohnländern und fördert Prozesse, wie dieser Entwicklung entgegenzuwirken ist.

Leder ist beinahe so alt wie die Menschheit selbst. Dabei war das vielseitig nutzbare Material zunächst ein Produkt des Zufalls. Der Sage nach entstand Pergament (Lederpapier) durch die Eitelkeiten eines ägyptischen Pharaos, der König Attalos kein Papyrus (Schilfpapier) liefern wollte, um den Ruhm seiner großen Bibliothek für sich zu behalten. Auch die Redensart "das geht auf keine Kuhhaut" - und eine Kuhhaut ergab zweifellos etliche Pergamentseiten - stammt aus der Zeit des Pergament.

Mit dem steigenden Lederbedarf entwickelte sich die Gerberei spätestens im Mittelalter zu einem spezialisierten Handwerk. Damit begann die Zeit der Gerberzünfte, Innungen und Bruderschaften.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann sich die Wissenschaft intensiv mit der Gerbung zu befassen. In der Folgezeit führte eine Reihe von Neuerung zur drastischen Verkürzung des Gerbprozesses.

Ab 1880 entstanden auf Grundlage der neuen Erkenntnisse bald erste Lederfabriken, die die kleinen Handwerksbetriebe zunehmend verdrängten. Heute verarbeiten einzelne Großunternehmen jährlich Millionen von Häuten zu Leder. Die Gerbung mit Chromsalzen (Chromgerbung) ist hier die wichtigste Gerbmethode, da sie eine kürzere Laufzeit hat als die Lohgerbung, die sich bis zu 15 Monaten hinziehen kann."

Pilotprojekt in der Region Salzburger Seenland

Entsprechend der Vielfalt der vorgestellten Museen und deren Potentiale werden folgende Faktoren für ein Leitbild vorgeschlagen:

Es braucht gemeinsame und vernetzte Konzepte, die die Positionen kleiner Museen und Regionen stärken. Mit diesen fundierten Langzeitstrategien kann man gemeinsam mit Vorschlägen und Forderungen an die PolitikerInnen herantreten. Voraussetzung dafür ist professionelles Auftreten mit klar erarbeiteten Inhalten und Finanzierungskonzepten.

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist mit der Gründung einer Marketingplattform von 10 Gemeinden, 8 Museen und 5 Seen geschehen.
Um der Low Budget Problematik der kleinen Museen zu entkommen, wurde die Idee zur
Entwicklung einer "Museums- und Kulturstraße" geboren.1Das Projekt deckt in erster Linie den Marketingbereich ab und wird mit Mitteln des EU Regionalprogramms Leader+ gefördert.

muSEEum entspricht dem Spannungsfeld zwischen moderner Kunst und Kultur und dem Salzburger Seengebiet und soll das kulturelle Potential gänzlich neu präsentieren. Regionale Kulturgüter wie Museen, Denkmäler, Kultur und Bräuche werden durch bestehende und neue Aktionen und Programme modern präsentiert, erlebbar und begreifbar gemacht. Gemeinsam wird eine eigenständige Tourismusmarke aufgebaut, mit internationaler Annäherung und Aufbau von Partnerschaften.

Die Entwicklung von Synergieeffekten zwischen Kultur, Gemeinden und Wirtschaft wird angestrebt und für die Zukunft wird das Projekt über die regionale Salzburger Seenland Tourismus GmbH abgesichert und professionell weitergeführt.
Zum Team gehören weiterhin motivierte MuseumsmitarbeiterInnen und Tourismusverantwortliche der Salzburger Seenland Region.